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Nachrichten 1. Sonntag nach Ostern (Quasimodogeniti )

Wochenspruch

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.

(1. Petrus 1,3)
  


  

Lesepredigt von Pfarrerin Irmhild Heinicke

  

Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.

Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber? Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde erschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich! Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

(Jesaja 40,26-3)

  

  
 

Liebe Gemeinde,

Ostern ist schon wieder vorbei, das große Fest der Auferstehung, der Hoffnung und Zuversicht des Glaubens. Ostern ist schon wieder vorbei, und dann kommt so schnell der Alltag wieder. Die Osterfreude, die Osterhoffnung wird blass. Die Probleme, die großen und die kleinen, sie sind wieder da. Vielleicht waren sie auch nie weg. Ich werde so schnell müde, schneller als in jüngeren Jahren, resigniere, lasse den Kopf hängen und die Seele auch. In solche Gemütslagen hinein spricht der Predigttext des heutigen Sonntags.

Der Prophet spricht zu den Müden und Matten. Damals und heute. Dass wir müde und matt werden, äußerlich, aber vor allem innerlich, gehört zum Leben dazu. Je älter wir werden, umso öfter und mehr betrifft es uns. Aber selbst Jugendliche, die scheinbar alle Kräfte der Welt haben, und genauso müssen solche Erfahrungen starke Männer machen. Es ist nämlich keine Frage des Geschlechts oder des Alters. Besonders schnell müde und matt werde ich, wenn ich enttäuscht bin. Wenn ich mir Sorgen mache. Wenn ich um jemanden trauere. Wenn ich nachts wach liege und nicht mehr schlafen kann. Wenn ich nicht weiß, wie es weitergehen soll. Und wie es mir seelisch geht, das findet seinen Ausdruck auch in meiner Körperhaltung am Tag: Ich lasse den Kopf hängen und gehe gebeugt. Ich sitze oder stehe da mit gesenktem, mit eingezogenem Kopf, die Schultern krumm und zusammengezogen. Aber wenn man so nach unten schaut, sich und den Kopf hängen lässt, dann kann man nicht nach vorn schauen. Dann kann man eigentlich nirgendwo hinschauen. Dann ist die Gefahr, dass man in der Depression versinkt, noch größer. Deshalb sagt der Prophet als Erstes zu solchen müden und matten Menschen: Kopf hoch! „Hebt eure Augen in die Höhe und seht!" Damit fängt der Trosttext Jesajas an. Ich habe es freilich noch im Ohr, wie mein Vater zu mir gesagt hat: „Kopf hoch!" Das klang dann eher preußisch, militärisch, alles andere als einfühlsam. Heute gibt es auch die sanftere Variante, die letztlich aber auch kein bisschen besser ist: „Finde deine innere Mitte! Stell dir einen goldenen Faden vor und richte dich auf." Nein – so nicht! So meint es der Prophet Jesaja nicht. So meint es Gott nicht.

„Hebt eure Augen in die Höhe und seht!" – das meint keine Selbsterlösung, kein Ich Muss-es-nur-Machen-und-Wollen. Dann wird es schon gehen. „Hebt eure Augen in die Höhe und seht!" – Das richtet meinen Blick von mir weg auf etwas Anderes, auf Gottes Macht und seine Stärke, auf Gottes Gegenwart. Der Himmel, die Sterne, die ganze Größe von Gottes Schöpfung umgeben mich, ein Werk zum Staunen. Je mehr wir wissenschaftlich von der Welt und dem Kosmos verstehen, umso mehr Grund zu solchem Staunen gibt es: Wie gut und lebensfreundlich die Gesetze der Natur ineinandergreifen! Was uns für ein wunderbares Fundament für unser Leben auf dieser Erde geschenkt ist! Und in jedem einzelnen Teil, egal wie groß oder wie klein es ist, ist Gottes Macht zu sehen. Kein Teil fällt aus dem Bereich seiner Kraft und seiner Fürsorge heraus. Dieses Staunen, diese Worte Gottes durch den Mund des Propheten Jesaja haben den Dichter Wilhelm Hey zu seinem bekannten Volkslied inspiriert: „Weißt du, wieviel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt? Weißt du, wieviel Wolken gehen, weithin über alle Welt? Gott der Herr hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet an der ganzen großen Zahl" (EG 511,1). Und in dem Lied, genauso wie bei dem Propheten Jesaja, wendet sich der Blick von dem Wunder der großen Schöpfung auf das Ergehen der einzelnen Menschen. Der starke und mächtige Gott sieht auf den Weg jedes einzelnen Menschen. „Gott im Himmel hat an allen seine Lust, sein Wohlgefallen; kennt auch dich und hat dich lieb." (EG 511,3)

Freilich: Es ist manchmal schwer, das Vertrauen durchzuhalten, an der Zusage Gottes festzuhalten, zu glauben, dass er wirklich da ist für mich. Wir kennen die Durststrecken im Leben und im Glauben. Und wir fürchten sie. Dann ist die Frage: Was lässt mich durchhalten? Was gibt mir Kraft? Woher kriege ich neue Energie?

Für mich ist die Erinnerung an das Ostergeschehen die entscheidende Kraftquelle. Ostern heißt ja, dass sich auch für mich eine Perspektive über den Tod hinaus geöffnet hat. So wie Gott an Jesus festgehalten hat im Tod, wird er auch an mir festhalten. So wie Gott Jesus aus der dunklen Höhle des Grabes geholt hat, wird er auch mich aus dem Dunkeln holen. Mit Ostern hat Gott mir die Perspektive geschenkt, dass am Ziel meines Lebens die Rettung auf mich wartet, Luther nennt es die „Seelen-Seligkeit".

„Hebt eure Augen in die Höhe und seht!" Seht nicht nur Gottes große Macht in der Schöpfung um euch herum! Seht auch, was er an uns tut und getan hat! Erinnert euch, wie Gott da war und euch durchgetragen hat in eurem Leben bis zum heutigen Tag! Und vor allem: Seht auch auf das leere Grab! Seht auf das, was mit Ostern angefangen hat! Verliert das Ziel eures Lebens nicht aus den Augen! Und verliert den auferstandenen Christus nicht aus euren Herzen! Wer so über den Horizont seines Lebens hinausschauen kann, der findet Kraft und Energie, mit Problemen und Müdigkeit fertig zu werden. Wer weiß und sieht, wo das Ziel ist, der kann die Probleme des Weges dahin anpacken, vielleicht nicht alle, aber vielleicht ein oder zwei wichtige. Und wer weiß, dass er oder sie nicht allein ist, traut sich, die Ärmel hochzukrempeln und mit der Arbeit anzufangen. Wir brauchen immer mal wieder so etwas wie eine „Sehschule des Glaubens", vielleicht noch besser: eine „Sehhilfe des Heiligen Geistes": dass wir die Spuren von Gottes Hilfe in unserem Leben nicht übersehen; dass wir das Gute und das Hoffnungsvolle nicht übersehen; dass wir das eigentliche Ziel unseres Lebens nicht vergessen. Wir brauchen immer mal wieder eine Erinnerung an Gottes Macht und an Gottes Güte. Dazu hilft uns die Bibel, Gottes Wort, das uns erinnert - so wie heute der Predigttext. Und dazu helfen uns auch andere Menschen, die uns erinnern oder die selbst Zeichen von Gottes Hilfe und Zuwendung sind. Ostern ist schon wieder vorbei. Ostern liegt hinter uns. Ostern liegt immer hinter uns, aber genauso liegt Ostern immer vor uns. So leben wir als Christen in dieser Welt: die Arbeit, die Sorgen, den Alltag vor Augen und Ostern im Rücken. Ostern im Rücken, das heißt, wir haben Gottes Zusage im Rücken: Meine Kraft ist stärker als alle Todeskräfte. Und dann genauso: Ostern liegt vor uns, neues Leben, neue Kraft. Und wir haben die Hoffnung und das Ziel unseres Lebens vor Augen: Gottes Ewigkeit, unsere Rettung, die Seelen-Seligkeit. So können wir leben und arbeiten. Manchmal vielleicht trotzdem müde und matt. Aber nie allein, sondern immer gestärkt und gehalten. Amen.


  



Erstellt am Sonntag, 29. März 2020
Zuletzt aktualisiert am Sonntag, 19. April 2020